Rollenspiel für Inklusion und Perspektivwechsel
Thema: Gemeinschaft & Inklusion
Emotionale Intensität: MITTEL
Format: Kernübung
Quelle / Autor: Adaptiert aus partizipativen Rollenspiel- und inklusionspädagogischen Praktiken
Thema
Gemeinschaft & Inklusion
Ebenfalls relevant für
Behörden & Institutionen, Interkultureller Dialog, Demokratische Teilhabe
Ziel (Lernschwerpunkt)
Die Teilnehmenden dabei zu unterstützen, unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven zu verstehen, ausgrenzende Dynamiken zu erkennen und inklusive Kommunikation sowie Reaktionen in gemeinschaftlichen und institutionellen Kontexten zu üben.
Haftungsausschluss: Diese Übung ist emotional intensiv und sollte nur von erfahrenen Moderator*innen geleitet werden. Bitte verzichten Sie im Zweifelsfall auf die Durchführung. Klare Vereinbarungen zur emotionalen Sicherheit, freiwillige Teilnahme und ein bewusst angeleiteter Ausstieg aus den übernommenen Rollen sind unerlässlich.
Zielgruppe
Jugendliche (14–18) / junge Erwachsene (18–35)
Primär: Mitglieder der Aufnahmegesellschaft, Pädagog*innen, Jugendbetreuer*innen, Freiwillige, Mitarbeiter*innen von Einrichtungen oder Dienstleistern
Einsatz bei geflüchteten oder vertriebenen Jugendlichen: Nur mit starker Anpassung und wenn die Teilnehmenden keine Rollen spielen, die ihren eigenen Lebenserfahrungen ähneln
Gruppengröße
6–20 Teilnehmer*innen
Dauer
60–90 Minuten
Benötigte Materialien
Ausgedruckte Rollenkarten oder kurze Szenariobeschreibungen, Flipchart oder Whiteboard, Stifte, Stoppuhr
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
1. Einweisung und Schaffung eines sicheren Rahmens (20–30 Min.)
Erläutern Sie zu Beginn den Zweck des Rollenspiels: die Erforschung von Machtdynamiken, Inklusion, Exklusion und Empathie durch verkörpertes Lernen.
Legen Sie klare Gruppenvereinbarungen in Bezug auf emotionale Sicherheit, Respekt, freiwillige Teilnahme, das Recht, aus der Rolle auszusteigen, und die Vermeidung von Stereotypisierung fest.
Betonen Sie, dass die Gruppe das Szenario gemeinsam entwickeln wird, anstatt ein vorgefertigtes zu erhalten, um die persönliche Relevanz sicherzustellen.
2. Gemeinsame Erarbeitung des Szenarios (15–20 Min.)
Bei der Arbeit mit Rollen, Inklusion und systemischen Herausforderungen ist es entscheidend, dass die Szenarien nicht nur realistisch, sondern auch für die Teilnehmenden persönlich bedeutsam sind. Ein Top-down-Ansatz kann Distanz oder sogar Widerstand hervorrufen.
Laden Sie die Teilnehmenden ein, Situationen aus dem realen Leben (persönliche oder beobachtete) zu schildern, die mit Ausgrenzung, Vorurteilen oder strukturellen Barrieren zu tun haben. (Achten Sie darauf, dass dies nicht zu einer Retraumatisierung führt.)
Moderieren Sie eine kurze gemeinsame Priorisierung, um 1–2 Schlüsselszenarien auszuwählen, die am relevantesten erscheinen und nicht zu sensibel sind.
Unterstützen Sie die Teilnehmenden dabei, die Situation klar zu umreißen und dabei die emotionale Sicherheit zu wahren.
3. Rollenzuweisung und Vorbereitung (10–15 Min.)
Sobald das Szenario feststeht, verteilen Sie die Rollenbeschreibungen, erstellen Sie diese gemeinsam oder laden Sie Freiwillige ein, verschiedene Rollen zu übernehmen.
Ermutigen Sie die Teilnehmenden, die Motivation, den Status und den emotionalen Zustand der Figur zu berücksichtigen.
Erinnern Sie sie daran, sich der Grenze zwischen sich selbst und ihrer Rolle bewusst zu bleiben.
4. Rollenspiel (10–15 Min.)
Lassen Sie die Szene ohne Unterbrechung ablaufen, damit sich eine natürliche Dynamik entwickeln kann.
Optional können Sie die Szene an ihrem Spannungshöhepunkt unterbrechen und andere Teilnehmer*innen einladen, in eine Rolle zu schlüpfen und den Handlungsverlauf zu verändern (Forumtheater-Technik).
5. Aus den Rollen heraustreten. Nachbesprechung & Reflexion (20–30 Min.)
Lassen Sie die Teilnehmer*innen zunächst mithilfe stabilisierender Übungen bewusst und angeleitet aus den Rollen heraustreten; dabei sollten diejenigen, die sich am unwohlsten gefühlt haben, als Erste aus den Rollen heraustreten, gefolgt von den anderen.
Leiten Sie die Gruppe bei der Reflexion über die Erfahrung an:
Was ist euch in Bezug auf Macht und Kommunikation aufgefallen?
Welche Verhaltensweisen haben Inklusion oder Exklusion gefördert?
Was hat euch überrascht?
Inwiefern lässt sich das mit euren Erfahrungen aus dem Alltag in Verbindung bringen?
Schaffen Sie Raum sowohl für emotionale Verarbeitung als auch für kritische Analyse. Bei Bedarf können Sie hier Dixit-Karten als Anregung nutzen.
6. Anwendung auf reale Kontexte (10–15 Min.)
Bitten Sie die Teilnehmenden, eine konkrete Maßnahme zu nennen, die sie in ihrer Gemeinschaft, ihrer Organisation oder ihren Beziehungen ergreifen könnten, um Inklusion zu fördern.
Optional können sie einen kleinen Aktionsplan oder eine Idee für eine Initiative entwickeln.
7. Beenden Sie die Sitzung mit einer kleinen, angenehmen Übung, um die Gruppe in einer positiven und kraftvollen Stimmung zu verabschieden.
Um die Teilnehmenden beispielsweise nach dem Rollenspiel wieder zu erden, laden Sie alle ein, aufzustehen und ihre Hände, Arme und Beine sanft zu schütteln, um verbleibende Anspannung oder Emotionen loszulassen. Ermutigen Sie sie, dabei ein paar Mal tief durchzuatmen, um die Intensität der Übung hinter sich zu lassen. Lassen Sie sie nach etwa 30 Sekunden innehalten, drei langsame, tiefe Atemzüge nehmen und still über eine positive Erkenntnis nachdenken, die sie aus dieser Erfahrung mitnehmen werden.
Beispielszenarien (falls die Gruppe keine eigenen vorschlägt):
Zugang zu Dienstleistungen: Ein Elternteil mit Migrationshintergrund sucht Hilfe bei einer Behörde, die keine Übersetzungsunterstützung anbietet.
Bildungsumfeld: Ein Mitarbeiter einer Schule hat bei der Einschulung eines geflüchteten Kindes mit unklaren Abläufen zu kämpfen.
Öffentlicher Raum: In einem Park wird eine Person wegen der von ihr verwendeten Sprache konfrontiert, wobei die Umstehenden unsicher sind, wie sie reagieren sollen.
Erwartete Ergebnisse (für die Teilnehmer*innen)
– Gesteigertes Bewusstsein für systemische und zwischenmenschliche Ausgrenzung
– Mehr Empathie durch das Einnehmen anderer Perspektiven
– Verbesserte Fähigkeiten zur inklusiven Kommunikation
– Verbesserte Fähigkeit, konstruktiv auf Herausforderungen im Zusammenhang mit Diversität zu reagieren
Hinweis zur traumainformierten Vorgehensweise:
– Vermeiden Sie es, Teilnehmenden Rollen zuzuweisen, die eigene traumatische Erfahrungen oder Vertreibungserlebnisse widerspiegeln.
– Form und Intensität der Teilnahme sollten jederzeit anpassbar sein.
– Ziel der Übung sind Lernen und Selbstermächtigung, nicht die Nachstellung von Leid.
– Die Moderator*innen sollten insbesondere während der Nachbesprechung aufmerksam auf die emotionale Sicherheit der Teilnehmenden achten.
Anpassung (Kontext / interkulturell / Alter):
Verwenden Sie für geflüchtete oder vertriebene Jugendliche fiktive oder neutrale Rollen und konzentrieren Sie sich auf Selbstermächtigung und Handlungsfähigkeit statt auf Verletzlichkeit.
Für Fachkräfte oder Mitglieder der Aufnahmegesellschaft können die Szenarien näher an realen institutionellen Kontexten sein.
Empfehlungen für Moderierende:
Konzentrieren Sie sich auf Systeme und Verhaltensweisen, nicht auf persönliche Schuldzuweisungen.
Vermeiden Sie es, bei der Gestaltung der Szenarien Stereotypen zu verstärken.
Räumen Sie Reflexion und Sinnstiftung stets Vorrang vor der schauspielerischen Leistung ein.