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Der Kompass der Stärken und Schatten

Thema: Mentale Gesundheit

Emotionale Intensität: Niedrig

Format: Kernübung

Quelle / Autor: Entwickelt von Anastasia Netrebytska (Ukraine) – Moderatorin, Mentorin, Jugendtrainerin. Inspiriert von stärkenorientierten Mentoring-Ansätzen und dem Polaritätsmanagement (Barry Johnson)


Thema

Mentale Gesundheit

Ebenfalls relevant für

Selbstwahrnehmung & Persönlichkeitsentwicklung
Mentoring & Empowerment Jugendführung & Eigenverantwortung

Ziel (Lernschwerpunkt)

Junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre persönlichen Stärken zu erkunden, zu erkennen, wie diese Stärken bei übermäßigem Einsatz zu Ungleichgewichten führen können, und ergänzende „Gegenpol“-Eigenschaften zu identifizieren, die das Gleichgewicht wiederherstellen. Die Übung stärkt die Selbstwahrnehmung, die Selbstakzeptanz und die Fähigkeit, Reflexion in fundiertes Handeln umzusetzen.

Zielgruppe

Jugendliche (14–18) / Junge Erwachsene (18–35)

Gruppengröße

6–20 Teilnehmer*innen (funktioniert am besten in Zweiergruppen und kleinen Gruppen)

Dauer

60–120 Minuten

Benötigte Materialien

  • Vorlage „Kompass der Stärken und Schatten“ (A4), unterteilt in vier Richtungen: Stärke, Gegenpol, Gleichgewicht, Handlung

  • Filzstifte, Kugelschreiber, Haftnotizen

  • Optional: Beispielliste mit Polaritäten (zur Unterstützung der Moderation), z. B.: Empathie ↔ Grenzen, Flexibilität ↔ Struktur, Verantwortung ↔ Selbstfürsorge, Idealismus ↔ Realismus

  • Raum für individuelle Reflexion und Dialog zu zweit oder zu dritt


Schritt-für-Schritt-Anleitung:

1. Einführung & Rahmenbedingungen (5–10 Min.)

Die/der Moderator*in führt das Konzept ein, dass Stärken keine statischen oder „nur positiven“ Eigenschaften sind.

Vorschlag für den Rahmen: „Sehr oft kann das, was wir als unsere Stärke bezeichnen, auch zu einer Quelle von Schwierigkeiten werden, wenn es die Oberhand gewinnt. "Heute werden wir untersuchen, wie unsere Stärken, ihre Schattenseiten und ihre ausgleichenden Eigenschaften nebeneinander bestehen können – nicht als Gegensätze, sondern als Teile eines Ganzen.“ Beim Ausprobieren dieser Methodik ist es wichtig, vor der Reflexion eine Aufwärmphase einzubauen und die Methodik näher zu erläutern, um Verwirrung oder Widerstand zu vermeiden.

Betonen Sie, dass:

  • es keine „guten“ oder „schlechten“ Eigenschaften gibt;

  • das Gleichgewicht dynamisch und individuell ist;

  • es den Teilnehmer*innen freisteht, etwas weiterzugeben oder für sich zu behalten.

2. Entdecke deine Stärke (10–15 Min.)

Bitten Sie die Teilnehmer*innen, sich individuell Gedanken zu machen und eine persönliche Stärke zu identifizieren, die sie an sich schätzen. Anregungen zur Reflexion:

„Was hilft dir, mit Herausforderungen umzugehen?“

„Wofür verlassen sich andere oft auf dich?“

„Was empfinde ich als eine ‚Stärke‘ meiner Persönlichkeit?“

Die Teilnehmer*innen tragen diese Eigenschaft in den Abschnitt „Stärke“ ihres Kompasses ein.

3. Den Schatten erkunden und den Gegenpol finden (15–20 Min.)

Die/der Moderator*in erklärt, dass eine Stärke, wenn sie übermäßig eingesetzt wird oder aus dem Gleichgewicht gerät, Spannungen hervorrufen kann – für einen selbst oder für andere. Wichtige Klarstellung: Ein Gegenpol ist nicht das Gegenteil einer Stärke, sondern eine ergänzende Eigenschaft, die das Gleichgewicht wiederherstellt. Fragen zur Reflexion:

„Was passiert, wenn diese Stärke die Oberhand gewinnt?“

„Wie könnte diese Stärke aussehen, wenn sie überhandnimmt?“

„Welche Eigenschaft könnte helfen, sie abzumildern oder auszugleichen?“

Die Teilnehmer*innen identifizieren einen Gegenpol und tragen ihn in den Abschnitt „Gegenpol“ ein.

4. Den vollständigen Kompass abbilden (20–25 Min.)

Die Teilnehmer*innen vervollständigen alle vier Richtungen des Kompasses:

Norden – Stärke: Was gibt mir diese Eigenschaft? Wie unterstützt sie mich?

Süden – Gegenpol: Was ändert sich, wenn ich dieser Eigenschaft mehr Raum gebe?

Osten – Gleichgewicht: Wer bin ich, wenn beide Eigenschaften nebeneinander bestehen?

Westen – Handeln: Ein kleiner, realistischer Schritt, den ich unternehmen kann, um dieses Gleichgewicht im Alltag zu leben.

Ermutigen Sie die Teilnehmer*innen, Stichwörter, kurze Sätze oder Symbole aufzuschreiben.

5. Austausch zu zweit oder in kleinen Gruppen (10–15 Min.)

Die Teilnehmer*innen tauschen sich zu zweit oder zu dritt über ihren Kompass aus.

6. Absichten festlegen – Brief an mein zukünftiges Ich (10–15 Min.)

Die Teilnehmer*innen schreiben einen kurzen Brief an sich selbst und stellen sich dabei vor, sie befänden sich einen Monat in der Zukunft.

Anleitung für die Moderator*in: „Schreibe an dich selbst, als an jemanden, der dir am Herzen liegt. Was möchtest du über deine Stärke, deine innere Stabilität und deinen nächsten Schritt in Erinnerung behalten?“ Optionale Anregungen:

„Liebes zukünftiges Ich, ich möchte mich daran erinnern, dass …“

„Diesen Monat werde ich meine Stärke nutzen, um …“

„Wenn es mir schwerfällt, werde ich mich daran erinnern, dass Stabilität sich so anfühlt, als ob …“

Sie können dies auch als optionale Hausaufgabe umsetzen. 

7. Begleiter*in auf der Reise (optional, 5–10 Min.)

Laden Sie die Teilnehmer*innen ein, sich zu Paaren als Tandempartner*innen zusammenzufinden.

Jedes Paar vereinbart, sich nach der Sitzung ein- oder zweimal auszutauschen (per Nachricht, Sprachnachricht oder kurzem Anruf) und dabei eine einfache Frage zu stellen: „Wie gelingt es dir diese Woche, deine Absichten im Alltag umzusetzen?“

8. Reflexion, Abschluss und Erdung (30 Min.)

Reflektieren Sie gemeinsam. Beenden Sie die Sitzung mit einer kurzen Erdungsübung (Atmung, Körperwahrnehmung oder Stille). 


Erwartete Ergebnisse (für die Teilnehmer*innen):

  • Gesteigertes Selbstbewusstsein und emotionale Kompetenz

  • Größere Selbstakzeptanz und inneres Gleichgewicht

  • Fähigkeit, persönliche Extreme zu erkennen und zu regulieren

  • Klareres Gefühl für Eigenwirksamkeit und nächste Schritte

  • Gestärktes Vertrauen und eine engere Verbundenheit innerhalb der Gruppe

Hinweis zur traumainformierten Vorgehensweise:

  • Die Übung vermeidet das Nacherleben traumatischer Erfahrungen und erfordert kein lautes Erzählen persönlicher Geschichten.

  • Die Teilnehmer*innen haben jederzeit das Recht, auszusteigen, eine Pause einzulegen oder in individueller Reflexion zu verharren.

  • Moderierende sollten das Energieniveau im Auge behalten und die Übung mit einer Erdungsübung beenden, um vor dem Abschluss emotionale Stabilität zu gewährleisten.

Anpassung (Kontext / interkulturell / Alter):

  • Verwenden Sie für jüngere Gruppen (14–16) eine einfachere Sprache und konkrete Beispiele.

  • In interkulturellen Gruppen sollten die Teilnehmer*innen dazu angeregt werden, Stärken in ihrem eigenen kulturellen Kontext zu definieren.

  • Die Übung kann auf 45–60 Minuten verkürzt werden, indem der Austausch oder das Schreiben von Briefen reduziert wird.

  • Geeignet für Online-Formate unter Verwendung digitaler Vorlagen und Breakout-Räume.

Empfehlungen für Moderierende:

  • Behalten Sie eine vorurteilsfreie und neugierige Haltung bei.

  • Visuelle Hilfsmittel wie strukturierte Kompassvorlagen sowie kreative Elemente wie Zeichnen oder Ausmalen fördern nachweislich die Konzentration und schaffen eine entspanntere Atmosphäre.

  • Bauen Sie flexible Formate wie Diskussionen zu zweit oder in kleinen Gruppen ein, bevor Sie zum Austausch im Plenum übergehen. 

  • Vermeiden Sie es, Eigenschaften als „positiv“ oder „negativ“ zu bezeichnen.

  • Akzeptieren Sie Unsicherheit und unvollständige Antworten als normal.

  • Konzentrieren Sie sich auf kleine, realistische Maßnahmen statt auf große Ziele.

  • Beenden Sie die Sitzung stets mit einer Erdungs- oder Reflexionsübung.

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