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Forumtheater und Rollenwechsel: Erfahrungen mit Institutionen

Thema: Behörden & Institutionen

Emotionale Intensität: HOCH

Format: Erweiterter Workshop

Haftungsausschluss: Diese Übung ist emotional intensiv und sollte nur von erfahrenen Moderator*innen geleitet werden. Bitte verzichten Sie im Zweifelsfall auf die Durchführung. Klare Vereinbarungen zur emotionalen Sicherheit, freiwillige Teilnahme und ein bewusst angeleiteter Ausstieg aus den übernommenen Rollen sind unerlässlich.

Quelle / Autor: Novapolis; Basierend auf der Methodik des Forumtheaters (Theater der Unterdrückten, Augusto Boal). Angepasst für die Arbeit mit ukrainischen Jugendlichen in Vertreibungs- und Migrationskontexten.


Thema

Behörden und Institutionen

Ebenfalls relevant für

Macht & Kontrolle · Partizipation · Bürgerengagement · Inklusion · Resilienz

Ziel (Lernschwerpunkt)

 Den Teilnehmer*innen helfen, ihre Erfahrungen mit Behörden und Institutionen durch Rollenspiele und Forumtheater zu erforschen und neu zu interpretieren, um dabei Handlungsfähigkeit, Empathie und Kommunikationsfähigkeiten in einem traumainformierten Gruppenkontext zu stärken.

Zielgruppe

Jugendliche (14–18) / junge Erwachsene (18–35)

(insbesondere geflüchtete Jugendliche aus der Ukraine und binnenvertriebene junge Menschen; bei Bedarf wird eine mehrsprachige Durchführung oder Sprachmittlung empfohlen)

Gruppengröße

8–15 Teilnehmer*innen (anpassbar mit Co-Moderator*innen)

Dauer

180–240 Minuten

(kann als 2 längere Sitzungen durchgeführt oder besser in 3 kürzere Sitzungen aufgeteilt werden)

Benötigte Materialien

  • Großer, offener Raum für Bewegung

  • Stühle für die Inszenierung von Szenen

  • Flipchart oder Whiteboard + Stifte

  • Papier, Stifte, Haftnotizen

  • Optional einfache Requisiten (Ordner, Schals, Rucksäcke)

  • Übersetzungshilfe, falls erforderlich

  • Zugang zu einer Ansprechperson für emotionale Unterstützung, sofern verfügbar


Was ist Forumtheater?

Forumtheater ist eine partizipative Theatermethode, die vom brasilianischen Theaterpädagogen Augusto Boal als Teil des Theaters der Unterdrückten entwickelt wurde. Es wurde geschaffen, um Menschen dabei zu helfen, Situationen von Ungerechtigkeit, Machtungleichgewicht und alltäglicher Unterdrückung zu erforschen – und alternative Handlungsweisen in solchen Situationen zu erproben. Im Forumtheater wird der Gruppe ein kurzes Szenario gezeigt, das auf realen Erfahrungen basiert. Die Szene endet in der Regel an einem Punkt, an dem es zu einem Konflikt, einem Missverständnis oder einem Gefühl der Ohnmacht kommt. Das Publikum wird dann dazu eingeladen, das Geschehen zu unterbrechen, in die Szene einzutreten, die Rollen zu tauschen und verschiedene Reaktionen oder Verhaltensweisen auszuprobieren.
Die Teilnehmenden sind keine passiven Zuschauer, sondern „mitspielende Zuschauende“ – aktive Mitgestalter*innen der Geschichte.

Anstatt „richtige Antworten“ zu liefern, schafft das Forumtheater einen Raum, in dem sicher experimentiert, gemeinsam reflektiert und entdeckt werden kann, was sich respektvoller, realistischer oder stärkend anfühlt.
Der Fokus liegt nicht auf schauspielerischem Können oder Darbietung, sondern auf dem Lernen durch verkörperte Erfahrung, Empathie und kollektive Problemlösung.

In trauma- und migrationssensiblen Kontexten ermöglicht das Forumtheater den Teilnehmenden:

  • schwierige Situationen zu erkunden, ohne traumatische Ereignisse im Detail nacherzählen zu müssen

  • ein Gefühl der Entscheidungsfreiheit und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen

  • verschiedene Perspektiven zu verstehen, einschließlich derer von Autoritätspersonen

  • in einer sicheren Umgebung Kommunikation und das Setzen von Grenzen zu üben


Grundprinzipien des Forumtheaters

  1. Das Publikum ist nicht passiv – es kann eingreifen, Rollen übernehmen und alternative Handlungsmöglichkeiten vorschlagen, um den Ausgang einer Szene zu verändern.

  2. Das Stück wird auf dem Höhepunkt eines Konflikts oder einer Ungerechtigkeit unterbrochen, um das Publikum zum Nachdenken und Handeln anzuregen.

  3. Die Teilnehmenden können jede Rolle in der Aufführung übernehmen oder verändern, mit Ausnahme der Rolle des Unterdrückers, dessen Aufgabe es ist, kritisches Denken anzuregen und herauszufordern.

  4. Das Forumtheater ist ein Proberaum für das echte Leben – es ermöglicht den Menschen, mögliche Strategien für sozialen Wandel zu erkunden.

  5. Ein Moderator, der sogenannte „Joker“, leitet den Dialog zwischen Bühne und Publikum und sorgt für eine sichere und inklusive Umgebung, in der alle Stimmen Gehör finden.

  6. Die Methode fördert die gemeinsame Reflexion, Empathie und das kollektive Erarbeiten von Alternativen zur Ungerechtigkeit.


Ziel des Workshops

Dieser Workshop schafft einen geschützten, kreativen Raum, in dem junge Menschen – insbesondere ukrainische Flüchtlinge und Vertriebene – ihre Erfahrungen mit Behörden und Institutionen reflektieren, neu betrachten und alternative Handlungsmöglichkeiten erproben.

Mithilfe von Forumtheater und Rollentausch untersuchen die Teilnehmenden alltägliche Machtdynamiken, Kommunikationsbarrieren und Momente des Missverständnisses mit institutionellen Akteuren wie Lehrkräften, Beamt*innen, Sozialarbeiter*innen oder Dienstleister*innen.
Indem sie in verschiedene Rollen schlüpfen und gemeinsam mit alternativen Reaktionsmöglichkeiten experimentieren, können die Teilnehmenden sowohl über die persönlichen als auch die systemischen Dimensionen dieser Begegnungen reflektieren.

Der Prozess unterstützt die Jugendlichen dabei, ihre Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen, Empathie zu entwickeln und sich würdigere und effektivere Formen der Interaktion vorzustellen – ohne sie dazu zu zwingen, Traumata erneut zu durchleben.
Dieses Format ist besonders relevant in Migrations-, Vertreibungs- und Post-Krisen-Kontexten, in denen Begegnungen mit Institutionen das Sicherheitsgefühl, die Zugehörigkeit und die Mitsprache junger Menschen stark prägen.


Übersicht über den Workshop-Ablauf

Abschnitt

Zeit

Ziel

1. Begrüßung & emotionale Sicherheit. Einführung in das Forumtheater

30–60 Min.

Vertrauen aufbauen und Grundregeln festlegen. Den Zweck des Workshops und die Bedeutung des Forumtheaters verdeutlichen

2. Theater-Aufwärmübungen

20 Min

Körper und Fantasie anregen

3. Sammeln von realen Geschichten

30 Min.

Bedeutungsvolle Erfahrungen mit Institutionen identifizieren

4. Szenarioentwicklung und Probe

30 Min.

Szenen entwerfen und einstudieren

5. Forumtheater + Rollentausch

60 Min.

Spielen, eingreifen, Rollen tauschen und Lösungen erarbeiten

6. Aus der Rolle heraustreten. Gruppendiskussion und Reflexion

40 Min.

um den Teilnehmern den Übergang zurück zur eigenen Person und ins Hier und Jetzt zu erleichtern. Nachbesprechung der Rollen. Reflexion. Sinnstiftung, Erkenntnisse sammeln.

7. Erdung. Kreativer Abschluss 

20 Min.

Mit gestärktem Selbstbewusstsein und einem Gefühl eines guten und sicheren Abschlusses zu gehen. Zurück zu einem stabilen emotionalen Zustand und einem Gefühl des Wohlbefindens finden.


Schritt-für-Schritt-Anleitung:

  1. Begrüßung & emotionale Sicherheit. Einführung in das Forumtheater
    Erläutern Sie, was Forumtheater ist, welche Kernprinzipien es gibt und welchen Zweck der Workshop verfolgt. Leiten Sie eine sanfte emotionale Bestandsaufnahme ein und erarbeiten Sie gemeinsam Gruppenvereinbarungen, die sich auf Einwilligung, Vertraulichkeit und Wahlfreiheit konzentrieren.

  2. Körperwahrnehmung & Theater-Aufwärmübungen
    Nutzen Sie einfache Bewegungs- und Spiegelungsübungen, um Körperbewusstsein und Vorstellungskraft ohne Leistungsdruck zu aktivieren. Weitere Ideen für Übungen finden Sie
    hier.

  3. Geschichten sammeln
    Laden Sie die Teilnehmenden ein, sich an Situationen zu erinnern oder solche zu erfinden, in denen Institutionen oder Autoritätspersonen eine Rolle spielen. Tauschen Sie sich zu zweit oder in kleinen Gruppen aus und identifizieren Sie gemeinsame Themen.

  4. Szenenentwicklung & Probe
    Wählen Sie 2–3 Situationen aus und entwickeln Sie kurze Szenen (2–3 Minuten), die sich auf Momente der Spannung oder des Missverständnisses konzentrieren.

  5. Forumtheater & Rollenwechsel
    Spielen Sie die Szenen einmal durch und wiederholen Sie sie anschließend mit Eingriffen des Publikums („STOP“), Rollentausch und alternativen Reaktionen.

  6. Aus der Rolle heraustreten. Gruppendiskussion. Reflexion.
    Führen Sie die Teilnehmenden durch „Erdung“ aus ihren Rollen heraus. Moderieren Sie die gemeinsame Reflexion.

  7. Erdung. Kreativer Abschluss 

    Zurück ins Hier und Jetzt finden, dabei helfen, Emotionen und Körper nach tiefem emotionalem oder rollenbasiertem Engagement zu stabilisieren. Mit einer kurzen kreativen oder verbalen Abschlussrunde abschließen.


Erwartete Ergebnisse (für die Teilnehmer*innen):

  • Gesteigertes Bewusstsein für Machtdynamiken in alltäglichen Interaktionen

  • Stärkeres Gefühl der Handlungsfähigkeit und mehr Selbstvertrauen in der Kommunikation

  • Verbessertes Einfühlungsvermögen durch das Einnehmen anderer Perspektiven

  • Das Gefühl, gesehen und unterstützt zu werden und sich in gemeinsamen Erfahrungen weniger allein zu fühlen

Hinweis zur traumainformierten Vorgehensweise:

  • Die Teilnahme ist freiwillig; ein Verzicht oder Schweigen ist jederzeit erlaubt

  • Von den Teilnehmenden wird nicht erwartet, dass sie persönliche traumatische Erlebnisse nachstellen

  • Das Heraustreten aus den Rollen muss vor der Reflexion erfolgen

  • Emotionale Sicherheit hat Vorrang vor Leistung oder Ergebnissen

  • Betonen Sie, dass jede Person selbst entscheidet, wie tief sie ihre Erfahrungen teilen möchte.

Anpassung (Kontext / interkulturell / Alter):

  • Erlauben Sie in mehrsprachigen Gruppen den Sprachwechsel und Übersetzungspausen.

  • Achten Sie besonders auf den kulturellen und gesellschaftspolitischen Kontext, den die Teilnehmenden mitbringen. Passen Sie die Übungen an und wählen Sie solche aus, die für alle angemessen und geeignet sind.

  • Wählen Sie Themen, die für die Erfahrungen der Gruppe relevant sind und deren emotionale Reife nicht übersteigen.

Empfehlungen für Moderierende:

Dies ist eine Übung mit hoher emotionaler Intensität. Empfohlen für erfahrene Moderator*innen, die mit traumainformierter Gruppenarbeit vertraut sind. Achten Sie genau auf das Tempo, machen Sie Pausen zur Selbstverständlichkeit und sorgen Sie für klare Grenzen zwischen Rollen und realen Erfahrungen. Halten Sie Informationen zu Anlaufstellen bereit, falls Teilnehmer*innen zusätzliche Unterstützung benötigen.

Nützliche Ressourcen vor dem Workshop:

Forum Theatre — Drama Resource, 2014 

Forum Theatre for Community Empowerment — Educational Tools Portal, 2016

Theatre of the Oppressed — Augusto Boal, 1979

Games for Actors and Non-Actors — Augusto Boal, 2002

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