Lebendige Bibliothek: Stimmen von Krieg und Frieden
Thema: Werte
Emotionale Intensität: HOCH
Format: Erweiterter Workshop
Quelle / Autor: Adaptiert aus der Lebenden Bibliothek-Methodik (Europarat) und traumainformierten Jugendarbeitspraktiken. Diese Version integriert Prinzipien des ethischen Zuhörens, einwilligungsbasierte Facilitation und Schutzmaßnahmen für kriegsbezogene Kontexte mit hoher Sensibilität.
Thema
Werte
Ebenfalls relevant für
Migration • Konflikttransformation • sozialer Zusammenhalt • Integration • Trauma & Resilienz • interkultureller Dialog
Ziel (Lernschwerpunkt)
Diese Lebendige Bibliothek schafft einen strukturierten und sicheren Raum für direkte menschliche Begegnungen zwischen jungen Menschen und Personen, die Krieg, Vertreibung oder Arbeit in der Friedensförderung erlebt haben. Der Workshop zielt darauf ab, abstrakte Narrative und Stereotype durch gelebte Erfahrungen zu ersetzen und Empathie, respektvolles Zuhören und eine tiefere Reflexion über Werte im Zusammenhang mit Frieden, Würde, Zusammenleben und Verantwortung zu fördern. Der Workshop ist in erster Linie für Teilnehmer*innen konzipiert, die lernen und zuhören möchten, und nicht für diejenigen, die sich bereits als Expert*innen für das Thema verstehen.
Zielgruppe
Alter: Jugendliche und junge Erwachsene (16–35)
Profil:
Vor allem Jugendliche aus der Aufnahmegesellschaft und internationale Teilnehmer*innen
Personen, die daran interessiert sind, über Krieg, Frieden und Migration zu lernen, zuzuhören und zu reflektieren
Hinweis:
Dieses Format ist nicht in erster Linie für ukrainische Teilnehmer*innen oder Personen gedacht, die bereits über umfassendes Wissen und eigene Erfahrungen mit dem Krieg verfügen, da der Schwerpunkt auf dem Lernen aus gelebter Erfahrung liegt und nicht darauf, sie innerhalb derselben Gruppe zu reproduzieren.
Gruppengröße
Optimale Zahl der Teilnehmer*innen (Leser*innen): 12–16
Optimale Zahl der Bücher: 4 (empfohlenes Minimum: 3; flexibles Maximum mit Anpassungen)
Dauer
Gesamtdauer: 2,5–3 Stunden
Dialogrunden:
Standard: 4 Runden × 20 Minuten
Bei mehr als 4 Büchern: Runden auf 15 Minuten verkürzen und Pausen verlängern
Pausen: kurze Übergangspausen + eine längere Erholungspause
Benötigte Materialien
Ruhiger, privater Raum / ruhige, private Räume mit beweglichen Stühlen/Tischen
Für kleine, halbprivate Gespräche angeordnete Tische
Bücherkatalog mit kurzen, nicht sensationsheischenden Beschreibungen
Gesprächskarten (optionale Anregungen)
Einwilligungs- und Sicherheitsformulare für Bücher und Leser*innen
Wasser, Taschentücher, Zugang zu einem ruhigen Rückzugsraum
Schritt-für-Schritt-Anleitung:
Phase 1 — Orientierung & Sicherheit
Begrüßung und Rahmung des Konzepts der Lebendigen Bibliothek
Klare Erklärung der Rollen („Bücher“ und „Leser*innen“)
Überprüfung von Einwilligung, Vertraulichkeit und traumasensiblen Richtlinien
Betonung des Zuhörens statt des Fragens oder Beratens
Phase 2 — Kernerfahrung: Dialogrunden
Leser*innen werden im Voraus zugeteilt oder melden sich für Bücher an, um ausgewogene Gruppen sicherzustellen
Jedes Buch trifft sich mit einer kleinen Gruppe von Leser*innen
Gesprächskarten stehen als optionale Unterstützung zur Verfügung, nicht als Anforderungen
Leitprinzipien für den Dialog:
Ethische Neugier
Respekt vor Grenzen
Recht auf Schweigen und emotionale Pausen
Phase 3 — Sinnstiftung & kollektive Reflexion
Ausführliche gemeinsame Nachbesprechung im Kreis
Erkenntnisse werden freiwillig und nicht verpflichtend geteilt
Vorgeschlagene Anregungen:
„Was ist dir am stärksten in Erinnerung geblieben?“
„Welcher Wert ist dir heute klarer geworden?“
„Was möchtest du aus dieser Erfahrung mitnehmen?“
Optionale schriftliche Reflexion oder gemeinsame „Wertewand“
Phase 4 — Abschluss & Nachsorge
Gemeinsamer Dank an die Bücher
Informationen über Unterstützungsangebote
Optionaler symbolischer Abschluss (Botschaft für den Frieden, gemeinsames Wort oder stiller Moment)
Erwartete Ergebnisse (für die Teilnehmer*innen):
Individuelle Ebene:
Gesteigerte Empathie und gesteigertes Bewusstsein
Tiefere Reflexion über Werte im Zusammenhang mit Frieden und Würde
Gruppenebene:
Verringerte Stereotype und Polarisierung
Gestärkte Kultur des ethischen Zuhörens
Gemeinschaftsebene:
Größere Bereitschaft zu inklusivem Dialog und Zusammenleben
Vermenschlichung von Migration und von Krieg betroffenen Erfahrungen
Hinweis zur traumainformierten Vorgehensweise:
Wesentliche emotionale Risiken:
Emotionale Überlastung der Bücher
Sekundäre Traumatisierung oder Überforderung der Leser*innen
Sicherheitsprinzipien:
Freiwillige Teilnahme und Recht auf Pause oder Rückzug
Keine Aufzeichnung ohne ausdrückliche Zustimmung
Klare Grenzen für Fragen und Themen
Wann dieser Workshop NICHT eingesetzt werden sollte:
Mit Gruppen, denen es an Moderationskapazitäten fehlt
Als beiläufige oder unterhaltungsorientierte Aktivität
Ohne Zugang zu emotionaler Unterstützung oder Nachsorge
Anpassung (Kontext / interkulturell / Alter):
Mehr Bücher: Runden auf 15 Minuten verkürzen und Pausen verlängern
Online-Format: kleinere Gruppen, strengere Moderation, optionale schriftliche Anregungen
Jüngere Teilnehmer*innen: weniger Runden, stärkere Rahmung und Unterstützung bei der Reflexion
Verkürzte Version: mindestens 2 Runden + strukturierte Nachbesprechung
Optional können Gesprächskarten der Lebendigen Bibliothek sowie Einwilligungs- und Sicherheitserklärungen für Bücher und Leser*innen verwendet werden, falls dies erforderlich ist (Ergänzung 1, 2)
Empfehlungen für Moderierende:
Die moderierende Person achtet auf einen sicheren Rahmen, ohne die Inhalte des Gesprächs zu steuern.
Vermeiden Sie es, Geschichten als „Erfolg“ oder „gewonnene Erkenntnisse“ darzustellen
Beobachten Sie fortlaufend die emotionalen Zustände der Bücher und Leser*innen
Normalisieren Sie Pausen, Emotionen und Schweigen
Greifen Sie behutsam ein, wenn Gespräche extraktiv oder überfordernd werden
Mehr über die Lebendige Bibliothek: Zentrale Toolkits, Handbücher & Leitlinien
Europarat – „Beurteile ein Buch nicht nach seinem Einband! Leitfaden für Organisator*innen der Lebendigen Bibliothek“
Weit verbreiteter grundlegender Leitfaden zur Planung, Rekrutierung, Schulung und Durchführung von Veranstaltungen der Lebendigen Bibliothek für Jugend- und Gemeinschaftsgruppen.
Online-Lebendige-Bibliothek (Young Caritas)
Eine moderne Anpassung der Methode für Online-Umgebungen, einschließlich praktischer Tipps für Schulen, Webinare und einer Datenbank mit Videogeschichten, die für den Bildungseinsatz bereitstehen.
Broschüre zur Lebendigen Bibliothek (Polen/Osteuropa)
Umfassender praktischer Leitfaden zu Fragekarten, Traumabewusstsein, Gastgeberrollen und Veranstaltungsevaluation, mit Hinweisen für digitale Formate und Präsenzformate.
Toolkit zur menschlichen Lebendigen Bibliothek (Universitäten Hull und Huddersfield)
Schwerpunkt auf Schulung der Moderator*innen, Grundregeln und szenariobasiertem Lernen für Grenzsetzung, Empathie und herausfordernde Situationen.
Learning for Change – Leitfaden zur Moderation der Human Library
Praktische Aktivitäten, Tipps und Empfehlungen zur Schulung von Mitarbeitenden für Jugendarbeit und sozialpädagogische Umgebungen.
Zusätzliche Ressourcen
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Grüne Karten (Anfang): Das Eis brechen, das „Buch“ kennenlernen.
„Was hat dich dazu bewegt, als Buch teilzunehmen?“
„Kannst du einen Wert nennen, der in deinem Leben wichtig ist?“
„Gibt es ein Stereotyp über deinen Hintergrund, das du ansprechen möchtest?“
Orange Karten (Mitte): Tiefere Erkundung, Austausch von Erfahrungen.
„Haben sich deine Werte infolge einer Lebenserfahrung verändert?“
„Kannst du eine herausfordernde Situation beschreiben, in der deine Werte auf die Probe gestellt wurden?“
„Wie reagierst du, wenn andere deine Werte nicht respektieren?“
Blaue Karten (Ende): Abschluss, Reflexion, gegenseitige Wertschätzung.
„Was hast du aus Gesprächen mit anderen über deine Geschichte gelernt?“
„Gibt es etwas, von dem du dir wünschst, dass andere es besser über dich verstehen?“
„Wie beeinflussen diese Gespräche deine Sicht auf die Gesellschaft?“
Die Karten können vorgedruckt, ausgeschnitten und in Schalen auf den Tischen platziert oder in ein Handout für Online-Versionen aufgenommen werden. Alternativ können Sie ein einzelnes Poster oder Handout erstellen, auf dem alle Anregungen vor Beginn der Sitzung sichtbar zur Durchsicht stehen. Die Nutzung ist optional – die Teilnehmer*innen können die Karten ignorieren oder so viele nutzen, wie sie zur Inspiration möchten.
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Die folgenden Einwilligungserklärungen werden für Formate der Lebendigen Bibliothek empfohlen, die hochsensible Themen wie Krieg, Vertreibung, Trauma oder Diskriminierung behandeln.
Sie sind nicht für jede Lebendige Bibliothek verpflichtend, können aber verwendet werden, wenn:
Das Thema gelebte Erfahrungen von Gewalt, Verlust oder Vertreibung umfasst;
Die Veranstaltung öffentlich oder halböffentlich ist;
Die Teilnehmer*innen einander vorher nicht kennen;
Die Organisator*innen ethische Verantwortung und emotionale Sicherheit betonen möchten.
Diese Erklärungen helfen dabei, Grenzen, Rollen und Rechte sowohl für Bücher als auch für Leser*innen zu klären, und unterstützen eine gemeinsame Kultur der Fürsorge und des Respekts.
Wie wird Einwilligung in der Praxis eingesetzt?
Tipp für Moderator*innen:
Für kleinere, vertraute Gruppen → mündliche Einwilligung + Gruppenvereinbarungen können ausreichen
Für öffentliche, interkulturelle oder erstmalig zusammenkommende Gruppen → schriftliche Einwilligung wird empfohlen
Für Themen mit hohem Risiko → Einwilligungsformulare immer ohne Druck zur Unterschrift anbieten
Einwilligungs- und Sicherheitserklärung für Bücher
„Indem ich zustimme, bei dieser Veranstaltung der Lebendigen Bibliothek ein Buch zu sein, bestätige ich Folgendes:
Ich nehme freiwillig teil und verstehe, dass ich jedes Gespräch jederzeit beenden kann, ohne einen Grund angeben zu müssen.
Ich wurde über das Format der Veranstaltung, das erwartete Publikum und mein Recht informiert, die Beantwortung jeder Frage abzulehnen.
Meine Geschichte und meine persönlichen Grenzen werden jederzeit respektiert.
Ich verstehe, dass jede Form der Aufzeichnung (Audio, Video, Foto) nicht erlaubt ist, sofern ich nicht zuvor ausdrücklich zustimme.
Wenn ich mich zu irgendeinem Zeitpunkt emotional oder körperlich unwohl fühle, habe ich das Recht, um eine Pause zu bitten oder meine Teilnahme zu beenden.
Ich verstehe, dass emotionale Reaktionen normal sind und dass von mir nicht erwartet wird, mehr zu teilen, als ich bereit bin.
Die Organisator*innen werden vor, während und nach der Veranstaltung Unterstützung anbieten, um mein Wohlbefinden sicherzustellen.
Unterschrift: ___________________________ Datum: _______________“
Einwilligungs- und Sicherheitserklärung für Leser*innen
„Indem ich als Leser*in an der Veranstaltung der Lebendigen Bibliothek teilnehme, stimme ich Folgendem zu:
Ich werde jedes Buch mit Respekt behandeln und mir bewusst sein, dass es reale, persönliche Erfahrungen teilt.
Ich werde Geschichten ohne die ausdrückliche Zustimmung des Buches weder aufzeichnen noch fotografieren oder weitergeben.
Ich werde das Recht des Buches respektieren, eine Frage nicht zu beantworten, und sein Recht, das Gespräch jederzeit zu beenden.
Ich verstehe, dass Gewalt, beleidigende Sprache oder Verhalten, das die Würde oder das Wohlbefinden des Buches gefährdet, zu meinem Ausschluss von der Veranstaltung führen kann, um die Sicherheit und Würde aller Teilnehmer*innen zu schützen.
Ich stimme zu, das Buch „in demselben geistigen und körperlichen Zustand zurückzugeben, in dem ich es ausgeliehen habe“ – und seine Grenzen und Würde während der gesamten Zeit zu respektieren
Unterschrift: ___________________________ Datum: _______________“